annemarie
Montag, 24. September 2018
ein ganzer tag II (nach einer idee von richard gleim)
herr katz putzt mit inbrunst meinen linken ellenbogen und ich wache auf.
lachend, es killert und dann merke ich daß es schon hell ist.
auch er ist also im urlaubsmodus, ich bedanke mich bei ihm.
seit wie vielen jahren habe ich nicht mehr bis nach sieben uhr geschlafen?
ich weiß es nicht.
trotzdem bin ich noch nicht ganz im hier, aber er hat hunger und wird laut
die bohnen sind gemahlen und ich rieche lange, herr katz schmatzt. so ohne ihn, denke ich,
wäre es recht still hier. ausserdem würde mir die morgenbückerei fehlen, das auffegen und
das säubern seiner toilette.
das macht verdammt wach und dehnt den rücken.
die espressokanne faucht, ich schnurre bei den ersten schlucken und versuche zu lüften.
es knallen die fenster und mir werden birkensamen geliefert. pfundweise dieses jahr.
lust auf frühstück habe ich nicht und setze mich an den schreibtisch;
ein paar letzte mails für die arbeit, damit ist das thema auch erledigt, die petition für einen
inhaftierten türken unterschreiben.
eine mail an ma und nach den bestellungen schauen. alles für herrn katz,
sein spezialfutter gibt es nur per versand.
darüber fällt mir mein frühstück ein und danach wasche ich mir die haare. noch bis vor einem
jahr wäre das keinerlei bemerkung wert gewesen, sie sind aber so lang geworden, daß es in
arbeit mündet sie zu pflegen.
(manchmal erschrecke ich vor meinem spiegelbild, denn nach 20 jahren absolut kurz sehe ich
völlig anders aus)
eigentlich verabscheue ich dies rumgefummel, kurz war praktisch und schnell getan.
doch seit mikes tod habe ich nur einmal eine schere daran gelassen und die auch nur in
millimeternähe. fluchend versuche ich die locken zu entwirren und denke an mike,
renne schnell in die küche um in den kalender zu sehen - nein, heute ist der 24.
erst morgen ist hagens 2. todestag, ich bin erleichtert über meine gute hirnleistung.
übermorgen dann herr pappnase, dann axel, danach holger, alles so dicht beieinander.
eine traurige zeit und doch liebe ich den herbst. seine farben seine gerüche und endlich regen.
nach 5 monaten dürre freue ich darüber sehr.
die sturmböen verhindern erfolgreich, daß ich heute eine fuß vor die tür setze.
immerhin hab ich ich urlaub und kann verschieben.
und wie ich das kann.
etliche seiten über die rechte blaue partei lesen, über österreichs prozeß gegen eine
abgeordnete und über die fahrradfahrersituation in berlin.
alles schwere kost, ich lege mich hin und höre mir bretonische geheimnisse an.
gelesen von gerd warmeling, der eine solch schaue stimme hat, daß ich sofort einschlafen
kann.
den tip hörbücher zum einschlafen zu benutzen, natürlich mit angenehmen stimmen, hatte mir
die schwimmlehrerin in hamm gegeben.
mir als kleines hatte nie jemand vorgelesen, vielleicht besteht da nachholbedarf.
egal, hauptsache es funktioniert.
mich weckt der abrupte wechsel von dunkel zu sonne und ich stehe auf, ab in die küche.
träumte von makkaroni und siehe da, ich habe welche.
fein geraspelte möhre, chili, knoblauch, zwiebeln, etwas speck, olivenöl und petersilie.
darüber alten käse und das ist so gut, daß ich im stehen esse.
herr katz ist dabei merkwürdig still, bis ich sehe daß er sich quasi in die heizung schmiegt.
in die, die für ihn angestellt ist.
vom schreibtisch aus schaue ich in den himmel, wunderbare wolkenberge fetzen vorbei,
dazwischen kurz ein stück türkisfarbener himmel, blätter stehen und trudeln, mal sonne mal
keine. mit einer gedrehten und einem glas cabernet grenache (von aldi, kann ich nur empfehlen)
möchte ich in ruhe schreiben - da gibt es einen feueralarm im haus.
ist nichts schlimmes, den nachbarn ist wieder mal die milch angebrannt.
mir fällte der feueralarm in hamm ein; ich saß im 9. stock, hörte ein komisches geräusch und
rief den pförtner an.
ganz die stolze akustikgesellin erklärte ich ihm, daß die haussprechanlage eine rückkoppelung
hätte.
meinegüte hat der mann mich angeschnauzt.
nie im leben flog ich treppen schneller herunter!
im morgenmantel und ohne brille stand ich unter meinen mitbewohnern, die sich alle zeit
genommen hatten sich anzuziehen.
die kannten das schon, ich nicht. ich fühlte mich schon ziemlich ausgelacht.
jedenfalls ist es witzig für mich, daß ich auch im moment im morgenmantel dasitze, allerdings
im 3. stock und mit brille.
ich mache noch einen anruf, spreche mit a., einer freundin von zzup, um die ich mich seit seinem
tod gekümmert habe.
inzwischen sind wir befreundet, wir sehen es als geschenk von ihm an uns.
einer geht fort und hinterläßt menschen, die ohne sein sterben uns nie so nahe gekommen wären.
ach, herr katz hat wieder ordentlich hunger - schnell füttern, sonst kippt er mir noch um.
und ich suche dann das kapitel im hörbuch bei dem ich vorhin einschlief, um nochmals gut einzuschlafen.

myself in many words

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Sonntag, 19. August 2018
Herr Horn im Keller (originalzitat, beim kohlenholen im keller gehört / 1979)
Ja meine Dame darf ich um ihre Aufmerksamkeit Jaja setzen sie
nehmen sie Platz. Wissen sie meine Tochter nach 23 Jahren um 22
Uhr meine Tochter kommt am Sonntag achnatürlich war sie seitdem
zweimal hier Wissen sie sie ist hier in der Rostocker geborn 4
Häuser weiter haben wir damals gewohnt und 48 kam ich aus Russland
zurück im Zug und ich wusste janich daß mich jemand abholt vom Zug
und dann stand sie wissen sie aufm Kopp hatte sie son Turban und
der Mund war so rot und dann sagte sie `Bist dus Baba` ja ich war
so alt geworden Und dann kam ich nachhause und Muttern sachte `Da
kommt der erste` mein Bruder kam späta und dann fragten sie `Haste
wat zu essen mitgebracht`und ich sagte `Ja und Dollas` und ich
hatte ne englische Uniform die hatte ich an und dann geh ich zum
Rathaus wissen se da unten bei Boeldicke und dann hielt eine
englische Streife und ich hatte doch die Uniform und dann gab ich
den Zettel und sagte `Ja Sir!` und denn sagten sie ich darf wat
beantragen und det hab ick ja wat sagen sie ich hab ne Jacke
beantragt ne Jacke und n Fahrrad hab ick bekommn haha und abends
sagte meine Mutzi ja so nenn ich sie heute noch `Ich geh jetze
tanzn` und ich sagte na ich wollte aber meine Mutter guckte so
naja ich war det nich jewöhnt Später sind wir hingefahren da hat
sie geheiratet 170 Personen 170! und ich fragte sie `Kommt die
Queen auch?` nee sagte sie `Die Queen kommt nich` haha Wir fuhren
mit dem Zug durch Holland und da sagte der Zugführer daß er uns ne
erfreuliche Mitteilung machen könne die englischen Schiffer
streiken und denn ham wa 13 Stundn in som holländischn Bahnhof
jewartet ich kann ihnen sagen ich kenne viele aba den kenn ich am
besten haha Sie versucht mich ja zu bekehren sie is bein Zeugn
Jehova aba ich bin nich empfäglich für sowas sind sie das? – Nein
ich auch nicht Aber wissen sie ich war Soldat det war 44 un ich
hatte 2 Lederkoffer 2 richtige Lederkoffer und denn sind der
Alfred ein Kumpel wissense der aus Neukölln In Südtirol da steht
Fleischer also ich und der Alfred da rein und fragn `Könnse die
jebrauchn?` `Nee könn wa nich, wat wolln se dafür?``5 Pfundt
Kartoffeln für Bratkartoffeln und hamse Fett zum braten?` Nee er
gibt uns Speck und Kartoffeln und wir sehn n Türschild da steht
Müller wir denkn is doch n Deutscher da muß man klingeln sie macht
auf und wir sagen `Wir ham Kaffotas und Speck` und sie macht denn
Bratkartoffeln denn sagtse `Is fertig aber wir müssen auf
Hochwürden warten` und ick denk `Ich hab schon soviel erlebt da
werd ich auch Hochwürden verkraften` und denn issa da und alle
beten und Alfred und ick wir stehn auf un salutiern und denn guckt
er mich an der Hochwürden und sagt `Die Uniform werden sie nicht
mehr lange tragen, sind se denn evangelisch oder katholisch?` ich
sage `Herr Pfarrer ich bin 1923 aus der Kirche ausgetreten` und
denn gibt er mir eine kleine Plakette nachdem ich ihm meine
Lebensjeschichte erzählt habe und er schenkt mir Jakob oder so
neee Christopherus den Schutzheiligen der Fernfahrer und wissense
ick war nachm Krieg üba 20 Jahre Fernfahrer ohne einen einzigen
kleinen Unfall ja und die Plakette hab ich heute noch aber ein
Auto würd ick mir nich mehr kaufen heute Ja achso ja und ich dank
ihnen meine Dame für die Freundlichkeit darf ich ihnen für heute
jedenfalls also alles gute meine Dame

in berlin

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Freitag, 20. Juli 2018
so we come now to the bitter end
sie sind nun alle fort.
der aus grundschulzeiten,
der der die erste große liebe war,
der mentor,
meine zwillingsseele,
der vertraute und gut-tuende freund
und der schönste mann der welt.
dazu der, der zwillingsseeles bruder war, mein patenonkel - künstler und eigen wie ich selbst, meine patentante - nur eigen, wie sie eben war
onkel und tante nehme ich nicht auf in den reigen von kerlen, die mich begleiteten.

einige liebten mich, einige liebte ich, es gab zeiten da liebten wir uns gleichzeitig.
klar, ich bin dankbar.
daß es sie gab, daß ich sie kannte, daß sie mich kannten.
im moment aber fühle ich mich wie ein trudelnes stück weltraumschrott.
die verbindungen in meine vergangenheit sind gekappt.
jedenfalls alle männlichen verbindungen.
jetzt kann ich noch sagen ja, ich habe gute freundinnen.
auch von ganz früh, auch lang und innig.
durch die umstände der todesfälle habe ich auch überraschende neue vertraute (mänlich)
gewonnen.

ich liebe meine freudinnen sehr.
ich fühle mich wohl mit den "neuen" kerlen.
nach aussen hin kann ich lachen und genießen.
ein teil von mir ist jedoch losgelöst und trudelt.
im schwarzen und kalten.

mein schwarzer kater streicht mir jetzt um die beine und mauzt, er spürt daß ich traurig bin.
die augenblickliche gefühlslage ist dem umstand geschuldet, daß wir zzup beerdigt haben,
alle mails geschrieben sind, alle fotos versendet wurden, - das organisieren, machen und tun ist vorbei.
ich weiß nun kommt die eigentliche trauer.
nur, ich war noch nicht mit der über alle anderen soweit.
ich fühle mich tonnenschwer und gleichzeitig schwebe ich;
ich habe keine ahnung wie es ohne euch alle werden wird.
mit mir.
so ganz ohne männliche wurzeln,
wenn ich euch so nennen darf.

heute ist wieder der tag, wo ich um ein zeichen bitte.
und es wird ganz sicher eines kommen.
denn als ich 2016 um eines von mike bat, gab es das weiße feuerwerk.
wie mir heute bekannt ist, ist das aus dem botanischen garten empor geschossen,
da dort gefeiert wurde.
so wie heute.
also kerle, also jungs -
steckt eure seelen in ein paar raketen und zeigt es (euch) mir.
bitte.

mandelkern

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Mittwoch, 18. Juli 2018
der anker ist gekappt
23:08 uhr, leicht beschickert glitt ich im taxi durch steglitz,
der fahrer drehte jazzradio lauter, kurbelte die fenster herunter und bedankte sich
am ende bei mir.
"was für'n abschluß" dachte ich später im bett, "wie oft beendeten wir einen abend daß du rathaus schöneberg ausstiegst und ich am liebsten mit dir ewig so weitergefahren wäre...."

den morgen über lief ich mit einer küchenrolle je achsel rum, viel aufregung und
eine kleine angst.
am friedhof war ich anderthalb stunden zu früh.
ein mann mit orangener sonnenbrille und ramones-shirt gehörte doch nicht zu uns, aber wir
fanden zusammen.
er erzählte mir vieles und da wir auf einem friedhof standen,
ging es um sterben und überleben.
wir wünschten uns gegenseitig noch viele jahre; ob er ahnte, wie mir das zuhören half
die zeit zu überbrücken?

ich rauchte vor den toren,
weit hinten sah ich dann seine mama, wie gefaltet im rollstuhl, zart und fast durchsichtig.
seine schwester hielt schöne blumen, frau mamas strauß lag im schoß.
beide also auch viel früh.
mementos kamen an, trugen seine urne und nach einem langen zögern mit einem blick
auf frau mama, nahm ich seine asche in die arme.
drehte mich um, dachte meine kniee knicken weg -
der schmerz schnitt mich, sehr tief, sehr stark und ich konnte das erste mal um ihn weinen.
es war intim, ich hatte keine gedanken, fühlte nur und schwindelschnell zog unsere
gemeinsamkeit an mir vorbei.

die vorherigen trauerfeiern wurden ausgeläutet.
schwarzgekleidete gruppen strömten hinaus und wir vervollzähligten uns hinein.
dadurch daß unsere die letzte abschiednahme an diesem tag war, bekamen wir stille und zeit.
zeit, damit jeder in den kleinen raum gehen konnte, um den ersten kontakt mit seiner asche zu knüpfen.
sie lag, und sie liegt bis alles in der erde vergeht, in einem konstrukt aus bemaltem filz.
von unten umrundet das meer einen himmel und berührt dabei die sonne.
maritim sah das aus, als läge er mitten im wasser.
geruch von vielen lichten, rosenblütenblättern. kühle und ein angenehmes dämmern.

die technik wurde getestet, noch eine rauchen, warten auf nachzügler.
aber wie schnell dann seine letzte reise doch begann:
aus dem raum heraus in die sonne trug cassandra die urne bis zu uns
übergab in meine arme
ich lief einfach los
übergab ihn an seine schwester
sie trug ihn bis zum grab
und wir hielten an
standen still mit einer fuge von bach,
sein vater spielte die orgel
seine mama schaute und versuchte zu begreifen
wir alle zogen unsere blicke in den fünf minuten bach von dem schwarzen tiefen loch
auf die blumen und wieder hin und wieder weg
plötzlich, so kam es mir vor, wurde die urne hineingesenkt
eine kurze rede an ihn
wieder spielte sein vater für uns
spielte für ihn
danach dann fiel erde, ein kristall, eine kastanie, schwebten blütenblätter -
seine mama beugte sich
schüttete sorgfältig alle blüten aus der schale
bedeckte die schwärze
und wir drehten uns um und gingen den weg allein zurück.

in berlin

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Dienstag, 19. Juni 2018
adè
fast 2 wochen lief ich mit einem immer größer werden angstgefühl im bauch herum und
schimpfte mit mir selber - "mach keine panik, denk nicht an das verdammte 2016, sei
bloß nicht übertrieben ängstlich,...."
und ja mein lieber, ich habe die angestellten in so vielen krankenhäusern genervt, bis sie aufgaben und mir versuchten auch rückwirkend zu helfen.
als wir telefonierten hast du gesagt, es ginge dir schlecht, du hättest fieber und wartest auf einen freund, der dich in krankenhaus bringt. der eine konnte dich nicht abholen, weil sein
auto nicht anspringen würde, aber da wäre noch jemand und bitte du kannst nicht mehr reden....sei nich böse annemariechen.
nein zzupl, bin ich nicht.
auch wenn du nie in einem krankenhaus warst.
was da letztendlich genau passierte, werden wir nie wissen.
es ist auch nun egal.

vor einem monat stellten wir fest, daß wir uns 50 jahre kennen.
deine ma ist meine musiklehrerin gewesen, du warst 2 klassen über mir an der grundschule.
wie üblich fuhren wir kleinen zum zelten nach schwanwerder, du hast dort auf uns aufgepasst.
die wahl des gymnasium trennte unsere wege, aber '73 trafen wir uns in der kirchengemeinde auf den aktionen wegen des putsches in chile wieder.
ende der '70er jahre dann im nachtleben des punk und als ich mit axel atta zusammen war
verbanden sich unsere kreise intensiver.
mit dem mauerfall zog ich mich aus allem zurück, ganze anderthalb jahrzehnte lang blieb ich allem fern.
dank fb - und dafür ist es wirklich gut - begannen wir wieder.
ich hab dir sehr vertraut, deine nähe tat gut und du warst so klug.
du warst einer der wenigen menschen, den ich nach heftigsten streitereien verzeihen konnte.
das hast du einem nicht schwer gemacht, du schöner mann, du charmeur, du sweetest diva.

mein herz zittert.
so, daß ich im ganzen zittere.
adè mein freund.

mandelkern

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Dienstag, 12. Juni 2018
doch, es ist wahr.
die letzten wochen waren nicht gut zu mir.
laufen, sitzen, essen, schreiben, schlafen - nichts ging mehr.
einige finger sahen aus wie würstchen (diese roten dänischen), die füße waren klumpen,
der rücken bog sich und ich knirschte und knackte im ganzen.
luft einatmen war mühevoll, der unterleib wirkte, als wolle er im nächsten moment
implodieren.
abends stand ich vor dem kühlschrank und griff nach dem cb döl und wollte es
nicht schlucken.
ich rief mir meine anfängliche begeisterung in den sinn und schluckte es weiter.
im nachhinein frage ich mich, warum ich nicht auf mein bauchgefühl gehört
habe.

als ich das öl zum ersten mal einnahm, legte ich mich auf mein bett, las ein wenig und
wurde müde.
ich lag auf dem rücken, die beine ausgestreckt, beide arme entspannt an den seiten.
so schlief ich ein.
mitten in der nacht wachte ich davon auf, daß ich immernoch so lag.
ich war verblüfft und konnte nicht weiterschlafen; mir war klar, daß ich das erste mal
seit fast 22 jahren absolut entspannt liegen und schlafen konnte.
ich freute mich.
was für ein fortschritt!
das letzte mal auf diese art bin ich in der nacht vor dem unfall eingeschlafen.
und kurz vor diesem, im auto - auch zum ersten mal. mein exmann hatte mich
überredet durch frankreich durchzufahren, nicht wie sonst immer ein hotel zu
suchen.
während ich tatsächlich zu den klängen der gipsy kings einschlief, fuhren wir ungebremst
in den peugot der geisterfahrerin.
ich wachte auf vom zusammenstoß, eine urgewalt weckte mich.
nein nicht mich, nur meinen körper.
mein geist erwachte für viele jahre nicht mehr.
sieben-einhalb jahre blieb ich in dem zustand.
ich kämpfte mich wieder heraus, nachts aber blieb ich auf einen meter gekürzt;
so sehr verkrampfte ich mich, rollte mich in mich selber.
entspannen ging nur noch durch anspannen.
in der zeit der umschulung in hamm, legte ich mich in der prüfungszeit schon mal mittags
für ein stunde hin und da ging es einigermaßen. ich konnte auf der seite liegen, nur leicht am zusammenkauern.
aber in der dunkelheit mußte ich "aufpassen" und ich dachte nicht, daß sich das je ändern wird.
begeistert blieb ich wach und genoß diese art zu liegen.

ich war kurz sehr glücklich, besonders darüber, daß mein restless-legs-syndrom verschwunden
war, denn damit wurde mein operierter fuß ziemlich malträtiert.
hauptsächlich aus diesem grund nahm ich das öl; ich hatte lange und ausführlich recherchiert.
einige tage vor einem termin bei meiner schwimmlehrerin ließ ich das öl weg.
mir ging es so schlecht, daß es mir egal war ob ich es nahm oder nicht.
ich konnte mich kaum noch bewegen, ich schlurfte wie ein sack knochen durch den tag, war
so schreckhaft wie jahre nicht mehr und begann depressiv zu werden.
um die situation in den griff zu bekommen, überlegte ich mir ernsthaft, auch für mich einen
pflegegrad zu beantragen.
mit diesen händen, füßen, mit diesem körper war ich unfähig mich selber zu versorgen.
ich merkte auch daß ich nicht mehr genug aß, das stehen und kochen, essen und abwaschen
überforderte meine kraft.
einkaufen? pah.
alles war leer, am meisten ich selbst und herr katz war auch noch krank.
sein spezialfutter und seine medikamente besorgte ich, mehr aber ging nicht.

ich fuhr zum termin, sortierte die knochen im sessel und erzählte ihr, wie es mir ging.
rekonstruieren kann ich diese stunde nicht mehr; sie ist wie ein traum.
erwartet hatte ich neue schwimmflügel und mindestens einen rettungsring.
gegangen bin ich mit einem "das darf doch nicht wahr sein?!" und zwei buchempfehlungen.
mit einem mal, im sinne des wortes, wurde es klar, daß die wirkung, abgesehen vom
r-l-syndrom (was bis heute verschwunden ist), mich in eine retraumatisierung gebracht hat.
alle beschwerden sind ja verschwunden, seit ich das öl nicht mehr einnehme.
alle beschwerden zusammen sind genau der zustand, in dem ich mich stunden nach dem unfall
befand. nicht ganz so extrem, aber exakt an den stellen die verletzt waren, hatte ich wieder
schmerzen gehabt.
das heißt: die entspannung hat meinen körper und meinen mandelkern in den hab-acht-modus
versetzt, ohne das wissen, daß dies nicht mehr nötig ist.
zeit spielt keine rolle, für unerledigte traumata ist es immer "jetzt passiert es".
so lange ich nur entspannung durch anspannung finde, mich jede nacht verknote und einrolle,
ist es mir herzlich egal, daß ich das öl nicht mehr einnehmen kann.
ich staune darüber, wie der körper und ein teil vom gehirn reagieren können; daß aus einer
"erinnerung" handfeste entzündungen und schmerzen werden.
am besten ausgedrückt wird das im titel des buches von bessel van der kolk -
"trauma und gehirn
verkörperter schrecken
neurowissenschaften und traumatherapie"
eine der grundlagen seiner schrift, sind die neuesten erkenntnisse von stephen porges über
die polyvagaltheorie.
(die polyvagaltheorie und die suche nach sicherheit: traumabehandlung, soziales
engagement und bindung)
beides gibt es im g.b. probst verlag als taschenbuch.

herr katz ist genesen und ich bin schmerzfrei und ziemlich munter.

mandelkern

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Donnerstag, 29. März 2018
einholung
- wenn mit einem schrillen >piiiep< vor der gefahr gewarnt wird,
tobt in mir der irrsinn und die angst.
auch nach verdammten 22 jahren noch.
ich erstarre ich bete und ich hoffe, es wird niemand getroffen. von dem geisterfahrer.
auch wenn man unschuldig jemanden getötet hat, hat man mit schuldgefühlen zu tun.
wenn dich jeden tag die alten wunden schmerzen, denkst du daran, daß der toten nichts mehr weh tun kann.
daran hängen wiederum andere gedanken....
ich bekomme jetzt die spätfolgen zu spüren, diejenigen, die mir prophezeit wurden.
daß damit auch diese gefühle verknüpft sind, das habe ich nicht erwartet.
manchmal weine ich ich und möchte, daß das aufhört; es ist wie schweres kreuz das auf meinen schultern liegt und mich drückt.
naja, dachte ich eben beim schreiben, morgen ist karfreitag.
wie passend.
scheiß auf knickebein.
gebt mir wein.

mandelkern

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Freitag, 16. März 2018
noch niemals war ich so zufrieden,
denn ich habe etwas bestimmtes verloren.

müde bin ich, fast schon wieder ausgebrannt;
nach dem begleiten von ladyr r. während ihres kalten entzugs, verschlechterte sich
dann leider doch ihr zustand.
pflege, organisation und viel rennerei zu all den docs und ämtern.
sorge um sie, die sorge um ma, die sorge um herrn katz, beinah hätte ich
mich und meinen körper vergessen.
spätfolgen des unfalls plagen mich, besonders in den
endgliedern der finger und füße.
aufgrund der gabe von cbd-öl an lady r., um ihre parkinsonsymptome zu entkräften, wurde ich neugierig und testete es an mir.
mit einem wunderbaren ergebnis.
schmerzminderung, durchschlafen und mehr entspanntheit.
trotz dem saß ich da und wußte oft nicht, wie ich alles hinbekommen könnte.
ich knirschte tagsüber mit den zähnen, so stark WOLLTE ICH UNBEDINGT
ALLES UND ZWAR SOFORT SCHAFFEN.

da platzte vorgestern mit einem kleinen >plopp< ein verhedderter gedankenstrang
und ich lehnte mich als neue annemarie zufrieden in meinem stuhl zurück.
mein wille.
was für ein ausgeprägtes gebilde an härte und kraft.
durch mein bisheriges leben war er enorm und dirigierte mich stets.
gut, es ging zu oft um mein überleben; so oft, daß ich erwartete, es ginge
immer um mein überleben.
er führte ein eigenleben, er füllte mich aus und er war die nummer eins.
das ist vorbei.
ich mag nichts mehr erzwingen, mit aller kraft anstreben und alles andere
ausser acht lassen.
es ist genug.
gekämpft.

momente

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Mittwoch, 21. Februar 2018
wir fliegen nicht wir schweben nicht
es ist eher ein gleiten
und meine wimpern knischen
meine zehen spreizen sich wie junge dinger
und so werde ich getragen
ganz ohne angst mit einem glücksgefühl
und doch brechen mir die wimpern

eine jede für einen von euch

laßt ihr mich los falle ich
langsam weich in buntes
und meine zehen sind ganz die alten

momente

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Samstag, 3. Februar 2018
immerhin....
siebenundfuffzig
und ich freue mich, daß ich lebe.

funkel

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Online seit 3515 Tagen
Letzte Aktualisierung: 2018.09.24, 19:10
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OT: Es gehört hier...
OT: Es gehört hier überhaupt nicht hin, leider...
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